Die Trägheit des Grünen

Wer in Deutschland lebt, spürt schnell, wie lange sich dieses Land bereits als „umweltfreundliche Nation“ versteht.

Mülltrennung gehört zum Alltag, eine eigene Einkaufstasche mitzuführen ist keine bewusste Entscheidung, sondern Normalität. In Städten finden sich überall Begriffe wie erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit, und Umweltfragen tauchen mühelos sowohl in politischen Debatten als auch im täglichen Gespräch auf.

Doch wie eng diese Selbstwahrnehmung noch mit der heutigen Realität verbunden ist, steht auf einem anderen Blatt. Innerhalb Deutschlands kursiert seit Jahren ein selbstironischer Satz: „Wir reden viel über Umwelt – aber wir bewegen uns immer weniger.“ Politiken, die einst als wegweisend galten, werden heute vielfach aus Gewohnheit fortgeführt. Nicht selten scheint der frühere Ruf aktuelle Ergebnisse zu ersetzen.

Es steht außer Frage, dass Deutschland eine Zeit lang eine führende Rolle in der Umweltpolitik innehatte. Verpackungsregulierungen, Recycling-Systeme und frühe Investitionen in die Energiewende wirkten weit über die eigenen Grenzen hinaus. Damals war Deutschland weniger ein Land, das über Umwelt sprach, als eines, das Umweltpolitik praktisch erprobte. Mit der Zeit jedoch wurde aus dem Experiment Verwaltung – und das Tempo verlangsamte sich.

Betrachtet man das heutige Deutschland, wird deutlich: Müll wird sorgfältig getrennt, doch die Menge des Abfalls sinkt kaum. Verpackungen werden ausgefeilter, während sich in den Briefkästen weiterhin Papierwerbung stapelt. Die Systeme sind gut organisiert, doch die Ergebnisse des Alltags wiederholen sich. Der Eindruck entsteht, dass Umweltschutz eher im richtigen Sortieren als im tatsächlichen Reduzieren verankert ist.

Ähnliche Muster zeigen sich in der Klimapolitik. Die Ziele sind klar formuliert, ihre Umsetzung jedoch verzögert sich immer wieder. Besonders in den Bereichen Verkehr und Energie fällt intern häufig das Urteil: zu langsam. Der Zeitaufwand für die Genehmigung einzelner Windräder, die spürbare Verzögerung beim Ausbau der Ladeinfrastruktur, die Distanz zwischen politischer Entscheidung und praktischer Umsetzung – Deutschland misst der Umwelt weiterhin hohe Bedeutung bei, doch der Weg vom Wort zur Bewegung wird zunehmend länger.

Gleichzeitig ist das Umweltbewusstsein der Bevölkerung weiterhin hoch und differenziert. Das Problem besteht jedoch darin, dass dieses Bewusstsein kaum noch die Kraft entwickelt, bestehende Strukturen voranzutreiben. Alle halten Umwelt für wichtig – doch niemand scheint für das Tempo verantwortlich zu sein.

Natürlich ist dies kein ausschließlich deutsches Phänomen. Umweltpolitik ist überall komplex, Interessen stehen einander entgegen. Auch Korea ist weder frei von Verpackungsmüll noch von einem energieintensiven Konsummodell. Schnelle Konsumzyklen erhöhen dort ebenfalls die ökologische Belastung.

Deutschland jedoch nahm lange die Rolle des Vorbilds ein. Gerade deshalb tritt die heutige Stagnation deutlicher hervor als anderswo. Wo die Erwartungen hoch waren, fällt die verlangsamte Bewegung stärker ins Auge.

Dieser Text will Deutschland nicht Umweltverantwortung absprechen. Eher im Gegenteil: Deutschland verfügt über ein hohes Maß an Bewusstsein, ausgereifte Institutionen und eine aktive Zivilgesellschaft. Die entscheidende Frage ist, ob dieses Fundament erneut in Bewegung gesetzt werden kann – bevor frühere Entscheidungen zum Maßstab der Gegenwart werden und der Begriff der Umweltfreundlichkeit selbst zur bloßen Gewohnheit erstarrt.

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Zwischen Überwachung und Schutz