Der lautlose Zerfall
Bis in die frühen 2000er-Jahre hinein gab es kaum Anlass, der Aussage zu widersprechen, deutsche Produkte seien die besten. Das Label stand für Qualität, die keiner Erklärung bedurfte – für Solidität, Verlässlichkeit und handwerkliche Präzision. Deutschland war tatsächlich ein solches Land. Die technologische Überlegenheit war unbestritten, und selbst hohe Preise galten vielen als gerechtfertigt.
Mit der Zeit jedoch begann diese Gewissheit leise zu bröckeln. Während sich die Welt mit zunehmender Geschwindigkeit neu ordnete, verharrte Deutschland lange in vertrauten Mustern. Die Annahme, Deutschland sei per se führend, verlor ihre Selbstverständlichkeit. Die Epoche, in der allein die Herkunft „Made in Germany“ Vertrauen garantierte, ist vorbei. Die Stellung der deutschen Industrie zeigt Risse – nicht als Folge äußerer Angriffe, sondern als Ergebnis einer Anpassung, die mit dem Tempo des Wandels nicht Schritt gehalten hat.
Heute lässt sich die industrielle Landschaft kaum noch durch einfache Vergleiche erklären. Regionen, die einst als kostengünstige Alternativen galten, haben ihre technologischen und qualitativen Standards rasch angehoben. Auch die Geschwindigkeit von Innovation hat sich deutlich verändert. Präzision und Stabilität – lange Zeit deutsche Kernstärken – besitzen weiterhin Wert, reichen jedoch allein nicht mehr aus, um Märkte anzuführen. In einigen Bereichen hat sich das Kräfteverhältnis bereits umgekehrt.
Diese Verschiebung spiegelt sich auch im Begriff „deutsch“ selbst wider. Mit der Umstrukturierung globaler Lieferketten ist die Gleichsetzung von deutschem Namen und deutscher Produktion längst aufgebrochen. Das bedeutet nicht, dass die Qualität grundsätzlich gesunken wäre. Wohl aber hat die symbolische Kraft der Vorstellung, ein „deutsches Produkt“ sei auch tatsächlich in Deutschland hergestellt, deutlich an Wirkung verloren. In einer Zeit, in der Design, Standards und Prozesse wichtiger sind als der Produktionsort, wird nationale Herkunft zunehmend zu einem formalen Etikett.
Ein Blick auf den heutigen Markt zeigt, dass das Label „Made in Germany“ nicht mehr automatisch Vertrauen erzeugt. In Regionen mit eigener, gewachsener Industrie- und Fertigungskultur – etwa in China, Japan oder Südkorea – berichten Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend von Erfahrungen, in denen die deutsche Qualität nicht mehr als uneingeschränkt überlegen wahrgenommen wird. Diese veränderte Wahrnehmung wirft neue Fragen auf.
„Wenn Deutschland heute unter Fachkräftemangel leidet und Produkte zunehmend von Migrantinnen, Migranten oder Zugewanderten hergestellt werden – kann man dann noch von ‚deutschen‘ Produkten sprechen?“
Diese Frage ist keine bloße Provokation. Sie signalisiert, dass die Identität der deutschen Industrie international nicht mehr nach denselben Maßstäben verstanden wird wie früher. Was innerhalb Deutschlands noch vorsichtig diskutiert wird, ist außerhalb längst Teil der Konsumentenbewertung.
Bemerkenswert ist, dass in diesem Zusammenhang immer wieder Produkte aus der Vergangenheit herangezogen werden. Maschinen oder Gegenstände, die vor Jahrzehnten hergestellt wurden und noch immer präzise funktionieren, dienen als stiller Vergleich zur Gegenwart. Die Aussage, das Alte sei verlässlicher, ist weniger Nostalgie als vielmehr eine Frage danach, wo sich die Maßstäbe verschoben haben. Die Erinnerung an die Qualität vergangener Jahrzehnte wird zum Spiegel für die Gegenwart.
In dieser Entwicklung tritt ein weiteres Paradox der deutschen Industrie zutage: das Verhältnis zur Arbeit. Um den Status als Industriestandort zu sichern, ist Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Viele Produktionslinien wären ohne internationales Personal kaum funktionsfähig. Gleichzeitig hält sich die Vorstellung vom „deutschen Produkt, hergestellt von Deutschen“ hartnäckig in Teilen der Gesellschaft. Zwischen der Notwendigkeit von Migration und den ambivalenten Gefühlen nach ihrer tatsächlichen Integration trägt Deutschland einen stillen Widerspruch aus.
Das grundlegende Problem liegt dabei weniger in der Technik selbst als im gesellschaftlichen Tempo, das sie umgibt. Regulierungen sind dicht, Genehmigungsverfahren lang, neue Ansätze müssen umfassend erklärt und abgesichert werden. Was einst als Grundlage von Vertrauen galt, wird in einem Umfeld, das schnelle Anpassung verlangt, zunehmend zur Last. Stabilität bleibt wichtig – doch wenn sie den Rhythmus des Wandels verlangsamt, beginnt auch sie ihre orientierende Funktion zu verlieren.
Währenddessen hat sich die Welt anderswo schneller bewegt. Orte, an denen Experimente rasch wiederholt und Technologie und Markt parallel erprobt werden, haben neue Regeln etabliert. Die deutsche Präzision besitzt weiterhin Wert, ist jedoch keine außergewöhnliche Eigenschaft mehr. Elemente, die einst als Alleinstellungsmerkmal galten, sind inzwischen zum allgemeinen Standard geworden.
Die zentrale Frage für Deutschland lautet daher nicht, ob sich die Vergangenheit wiederherstellen lässt. Entscheidend ist vielmehr, welche neuen Maßstäbe zu setzen bereit ist. Die deutsche Industrie ist nicht zusammengebrochen – doch die Zeit, in der vergangener Ruf die Zukunft garantierte, ist vorbei.
Das nächste Kapitel von „Made in Germany“ kann nicht mehr dem alten Modell folgen. Ausschlaggebend ist nicht länger, wer ein Produkt herstellt, sondern nach welchen Kriterien es entwickelt wird – und wie schnell diese Kriterien erneuert werden können. Wie Deutschland mit den Verzögerungen umgeht, die sich in vertrauten Strukturen angesammelt haben, wird bestimmen, welches Gesicht seine Industrie in Zukunft tragen wird.