Zwischen Überwachung und Schutz
Als ich mein Kind erstmals in einem deutschen Kindergarten anmeldete, fiel mir in dem Stapel an Unterlagen ein Dokument besonders auf: die Einwilligung zur Anfertigung von Fotos sowie die Hinweise zur Nutzung personenbezogener Daten. Selbst für das Veröffentlichen eines einzelnen Fotos von einer kleinen Veranstaltung war eine schriftliche Zustimmung der Eltern erforderlich. Auch in Korea ist der Datenschutz in den letzten Jahren strenger geworden, doch die Vorsicht, mit der hier vorgegangen wird, erschien mir noch ausgeprägter. Dokumentation wird nicht primär als Erleichterung verstanden, sondern als etwas, das grundsätzlich der Kontrolle bedarf.
Dieses Empfinden verstärkt sich auf der Straße. In Deutschland sind Dashcams kaum verbreitet. Dauerhafte Aufzeichnungen gelten als rechtlich problematisch, zulässige Formen sind stark eingeschränkt. Oft bleiben nur wenige Sekunden vor einem Unfall gespeichert – und selbst diese Aufnahmen dürfen nur unter engen Bedingungen weitergegeben werden. Die Dashcam ist weniger ein schützendes Auge als vielmehr eine zufällige Spur, die möglicherweise entsteht und ebenso schnell wieder verschwindet.
Ähnlich verhält es sich mit Türklingelkameras. Ihre Installation ist erlaubt, doch der Aufnahmebereich muss extrem begrenzt sein. Erfasst werden darf nur der unmittelbare Bereich vor der Haustür, alles darüber hinaus ist strikt auszublenden. In der deutschen Gesellschaft wird die Kamera weniger als Instrument des Schutzes verstanden, sondern zunächst als potenzielle Verletzung fremder Rechte.
An diesem Punkt halte ich oft inne. Denn in Korea hat das Aufzeichnen eine andere Bedeutung. Dashcams und Überwachungskameras gelten dort als minimale Absicherung gegen Ungerechtigkeit. Sie helfen, Verantwortung zu klären, Konflikte zu reduzieren und schneller zur Wahrheit zu gelangen. Aufzeichnungen werden eher als Sicherheitsnetz denn als Überwachung wahrgenommen. Auch wenn ihre Dichte mitunter Unbehagen erzeugt, ist die Angst vor einer Situation, in der keinerlei Spuren existieren, geringer.
Auf deutschen Straßen hingegen stellt sich gelegentlich eine andere Frage. Was geschieht, wenn jemand absichtlich einen Unfall verursacht und flieht – oder wenn sich Verantwortlichkeiten verkehren? Womit lässt sich ein solcher Vorfall erklären, wenn kaum Aufzeichnungen existieren? Der weitgehende Verzicht auf Dokumentation wirkt dann nicht wie Schutz, sondern wie eine Leerstelle. Dort, wo aus Gründen der Privatsphäre bewusst nichts festgehalten wird, kann es Momente geben, in denen gerade diejenigen ungeschützt bleiben, die Schutz benötigen würden.
Natürlich hat diese Haltung in Deutschland klare historische Gründe. Kameras und Akten dienten hier über lange Zeit weniger dem Schutz als der Kontrolle. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach, und das Gefühl, „erfasst zu werden“, trägt weiterhin einen unangenehmen Klang in sich.
Ich kann nicht sagen, welches dieser beiden Modelle das richtige ist. Eine Gesellschaft mit allgegenwärtigen Kameras kann beklemmend wirken, eine Gesellschaft mit kaum vorhandenen Aufzeichnungen hingegen verunsichern. Dokumentation kann jederzeit in Überwachung kippen – doch ohne Dokumentation fehlt oft auch die Sprache, um Unrecht zu benennen. Die stark auf Privatsphäre ausgerichtete Kultur Deutschlands erscheint mir bisweilen wie ein fein ausgearbeitetes Schutzschild, manchmal jedoch auch wie eine zu massive Wand. Die auf Aufzeichnung beruhende Kultur Koreas bietet schnelle Absicherung, lässt jedoch offen, wie weit sich diese Praxis ausdehnen darf.
Vielleicht ist letztlich nicht entscheidend, wie viel aufgezeichnet wird, sondern für wen diese Aufzeichnungen existieren. Und die Antwort auf diese Frage offenbart, wovor eine Gesellschaft am meisten Angst hat.