Die Wahrheit jenseits des Bildschirms

In einigen asiatischen Ländern wird Deutschland häufig als ein „langweiliges Land“ wahrgenommen – gelegentlich sogar als ein Ort ohne Reiz. Diese Zuschreibung speist sich weniger aus eigenen Erfahrungen als aus medial vermittelten Bildern.

Eine komplexe und vielschichtige Gesellschaft wird in kurzen Videos und vereinfachten Erzählungen stark reduziert. So entsteht ein festes Bild, das Deutschland auf wenige Eigenschaften festlegt und andere Ebenen ausblendet.

In asiatischen Reiseinhalten erscheint Deutschland oft als ein Land mit „wenigen Fotomotiven“, als „graue Stadtlandschaft“ oder als Ort ohne emotionale Atmosphäre. Da touristische Medien in der Regel auf visuelle Highlights und klar erkennbare Attraktionen ausgerichtet sind, wird Deutschland zu einem erklärungsbedürftigen Reiseziel. In der Folge gilt es weniger als eigenständiger Zielort, sondern eher als Zwischenstation auf dem Weg zu anderen europäischen Städten.

Zur Verbreitung dieser Wahrnehmung trägt auch der Einfluss koreanischer Medien bei. In Korea produzierte Unterhaltungsformate, Serien und Kurzvideos werden rasch übersetzt und in weiten Teilen Asiens konsumiert. Die dort entworfenen, stark vereinfachten Bilder Deutschlands werden dabei nahezu unverändert in andere kulturelle Kontexte übertragen. So entsteht eine Struktur, in der die Vorstellung eines Landes über kulturelle Grenzen hinweg geteilt wird, ohne erneut hinterfragt zu werden.

In diesem Prozess wird Deutschland häufig „charakterisiert“. Medien bevorzugen leicht verständliche Eigenschaften und eindeutige Narrative. Die Vielfalt der deutschen Gesellschaft wird dadurch auf wenige Merkmale reduziert: regelorientiert, ernsthaft, emotionsarm. Diese Zuschreibungen werden wiederholt und verfestigt. Sie dienen jedoch weniger dem Verstehen als der Vereinfachung und besseren Konsumierbarkeit.

Auch die Wahrnehmung des Reisens entsteht innerhalb dieses Rahmens. Asiatische Reiseerzählungen konzentrieren sich meist auf Städte, die sofortige visuelle Befriedigung bieten. Deutschland fällt aus diesem Muster heraus. Die Unterschiede zwischen deutschen Städten, ihre jeweiligen Rhythmen und die Dichte des Alltags lassen sich in kurzen Formaten nur schwer abbilden. So entsteht der Eindruck eines Landes mit „wenig Sehenswertem“ – weniger aufgrund tatsächlicher Leere als aufgrund fehlender Erzählungen.

Ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung der deutschen Küche. Deutschland wird kulinarisch oft auf wenige Bilder reduziert, obwohl die Esskultur stark von Region und Jahreszeit geprägt ist. Im Frühjahr prägt weißer Spargel Märkte und Küchen, im Sommer treten Salate, Kräuter und leichte regionale Gerichte in den Vordergrund. Der Herbst bringt Pilze und Wurzelgemüse, der Winter konservierte Speisen und eine ausgeprägte Brotkultur. Essen ist in Deutschland weniger eine Sammlung einzelner Gerichte als eine Praxis im Rhythmus der Jahreszeiten. Diese Dimension lässt sich nur schwer in vereinfachten Bildern vermitteln.

Deutschland ist kein langweiliges Land – es ist ein Land, das sich nicht schnell erklären lässt. Das Problem liegt darin, dass diese Komplexität lange Zeit nicht vermittelt wurde und stattdessen als vereinfachter Eindruck von außen konsumiert wird.

Die Lücke zwischen dem Deutschland auf dem Bildschirm und dem Deutschland im Alltag bleibt bis heute weitgehend unerklärt.

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