Stiller Zerfall

Die Hürde, der man in Deutschland am häufigsten begegnet, ist nicht die Sprache und auch nicht die Kultur – es ist die Verwaltung.

Bearbeitungszeiten sind lang, zuständige Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter befinden sich häufig im Urlaub, und nicht selten gibt es keine Vertretung. Dass ein gesamter Vorgang allein deshalb zum Stillstand kommt, weil eine Person nicht anwesend ist, gilt hier kaum als Ausnahme. Wochenlang auf eine einfache Antwort zu warten, ist keine Seltenheit.

Trotzdem wird diese Langsamkeit von vielen Deutschen weniger als Problem denn als gegeben hingenommen.
„Er ist im Urlaub.“
„Dann muss man eben warten, was soll man machen.“
Unmut gibt es durchaus – doch er ist selten laut und hält meist nicht lange an.

Diese Langsamkeit ist weniger Ausdruck bloßer Ineffizienz als vielmehr eng mit der Haltung gegenüber staatlichen Strukturen verbunden. Verwaltung ist in Deutschland kaum eine von mehreren Optionen, sondern oft der einzig mögliche Weg. Umwege oder Alternativen existieren kaum. Befristete Aufenthaltserlaubnisse, die erst kurz vor Ablauf verlängert werden, vorläufige Bescheinigungen in letzter Minute oder monatelang nicht korrigierte Verwaltungsfehler sind innerhalb dieses Systems keine außergewöhnlichen Vorfälle. Es handelt sich weniger um individuelle Probleme als um ein System, das sich selbst nur begrenzt reguliert.

Ein stabiler Beamtenapparat bildet eine der tragenden Säulen dieser Struktur. Beamtinnen und Beamte genießen weitreichenden Schutz, und ihre individuelle Leistung wirkt sich nur selten unmittelbar auf ihre Position aus. Verwaltung orientiert sich dadurch weniger an der Zeit der Bürgerinnen und Bürger als an Vorschriften und Arbeitszeiten. Antragstellende werden nicht als Kundinnen und Kunden verstanden, sondern als Teil eines Verfahrens, das seine eigene Reihenfolge kennt. Ist eine zuständige Person nicht im Dienst, ruht der Vorgang – und Verantwortung für diese Lücke lässt sich kaum eindeutig zuordnen.

Diese Verwaltungskultur ist eng mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Haltung verknüpft. Der Respekt vor Regeln und Verfahren bildet eine zentrale Grundlage der deutschen Gesellschaft, erschwert jedoch zugleich die Artikulation von Kritik. Selbst dort, wo rechtliche Ansprüche klar geregelt sind, verzichten viele darauf, sie aktiv einzufordern.

Warten wird zur individuellen Zumutung erklärt, Verwaltung stützt sich auf diese Geduld. In diesem Licht betrachtet ist der deutsche Bürokratismus weniger ein Problem langsamer Abläufe als vielmehr Ausdruck einer gesellschaftlichen Struktur, in der das System vor dem Einzelnen steht.

Das eigentliche Problem liegt darin, dass diese Langsamkeit lange Zeit ohne sichtbare Brüche funktioniert hat. Doch die Rahmenbedingungen verändern sich. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und einer globalen Verschiebung hin zu Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit wird administrative Verzögerung zunehmend zur Belastung. Start-ups, die an Genehmigungsverfahren scheitern, Fachkräfte, die sich wegen Visa-Verzögerungen für andere Länder entscheiden, oder Unternehmen, die zwischen Auflagen und Genehmigungen blockiert werden, sind längst keine Einzelfälle mehr.

Dieser Wandel vollzieht sich bislang leise – und gerade deshalb bleibt er oft unbeachtet.

Die Gesellschaft hält weiterhin am Prinzip des Wartens fest, doch die Welt bewegt sich nicht mehr im selben Tempo. Die Bereitschaft, heutige Unannehmlichkeiten hinzunehmen, häuft zugleich die Risiken von morgen an. Der deutsche Bürokratismus funktioniert noch immer stabil. Ob diese Stabilität jedoch von Dauer sein wird, ist längst nicht mehr selbstverständlich. Die stillen Risse, die sich bereits abzeichnen, können jederzeit sichtbar werden.

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Unerwartete Blicke

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Das Schweigen der Institution