Unerwartete Blicke

Viele Reisende, die eine Europareise planen, teilen eine ähnliche Sorge: die Befürchtung, in einer fremden Gesellschaft auf unangenehme Blicke oder Situationen zu stoßen.

Im Internet werden solche Erfahrungen immer wieder geteilt. Besonders Deutschland gilt in einigen Communities als ein Land, in dem Diskriminierung weit verbreitet sei. Noch bevor die Reise beginnt, entstehen so Bilder von Situationen, die man selbst noch gar nicht erlebt hat.

Doch nach mehreren Jahren des Lebens in Deutschland wurde mir klar, dass diese vertrauten Vorstellungen nicht vollständig mit der Realität übereinstimmen. Die Unannehmlichkeiten, denen ich tatsächlich begegnete, kamen oft aus einer anderen Richtung als erwartet.

Auch ich habe auf der Straße abfällige Bemerkungen oder unerwünschte Blicke erlebt. Diese Situationen ließen sich jedoch selten eindeutig einer bestimmten Gruppe zuordnen. Statt dem häufig angenommenen Schema „Deutsche gegen Ausländer“ entstanden sie in deutlich komplexeren Zusammenhängen.

Natürlich gibt es in jeder Gesellschaft Menschen mit ausgrenzenden Haltungen – Deutschland ist dabei keine Ausnahme. Ein großer Teil der direkten Kränkungen oder unangenehmen Momente, die ich erlebt habe, ließ sich jedoch nicht durch eine einzelne Gruppe erklären, sondern entstand aus Situationen, in denen unterschiedliche Hintergründe aufeinandertrafen. Diese Erfahrungen blieben zudem nicht rein individuell. Ähnliche Erzählungen tauchten immer wieder im Austausch mit anderen Migrantinnen und Migranten auf.

Je mehr solcher Geschichten man hört, desto deutlicher wird: Deutschland lässt sich nicht entlang einer einfachen Trennlinie zwischen „Deutschen“ und „Ausländern“ beschreiben. Es ist eine Gesellschaft, in der Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete, langjährige Bewohnerinnen und Bewohner sowie neu Zugezogene gleichzeitig existieren – auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Diese Vielschichtigkeit ist von außen jedoch schwer zu erkennen. Konflikte und Spannungen werden daher häufig aus ihrem Kontext gelöst und in vereinfachter Form weitergegeben.

Besonders deutlich zeigen sich diese Unterschiede je nach Ort. In Großstädten mit hohem Migrationsanteil und vielfältigen sozialen Hintergründen treten Spannungen häufiger offen zutage. In kleineren Städten oder ländlichen Regionen hingegen begegnet man oft einer fast übervorsichtigen Höflichkeit und einer spürbaren Distanz. Der Eindruck, dass unangenehme Erfahrungen sich auf bestimmte Räume konzentrieren, verweist auf die strukturelle Ungleichzeitigkeit dieser Gesellschaft.

Die Frage „Was bedeutet es, in Deutschland Rassismus zu erleben?“ lässt sich daher nicht auf die Suche nach einem eindeutigen Täter reduzieren. Sie berührt vielmehr die Frage, wie viele unterschiedliche Gruppen hier zusammenleben – und auf welche Weise ihre Beziehungen sichtbar werden.

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Dafür ist diese Realität zu komplex, um auf ein einziges Bild reduziert zu werden.

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